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Land Vorarlberg - Presse

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vorarlberg.at/presse · Regierungserklärung

Ansprache von Landeshauptmann Dr. Martin Purtscher
vor dem Vorarlberger Landtag am 23. November 1994

Jahre der Bewährung


Die Forcierung von Investitionen in Vorarlberg - in den nächsten Jahren gerade auch durch die konsequente Fortsetzung einer gezielten Betriebsansiedlungspolitik zur Bewältigung des industriellen Strukturwandels. Zielführend ist auch eine Neuorientierung der Wirtschaftsförderung auf Grundlage strategischer Schwerpunktsetzungen für die künftige Entwicklung der Vorarlberger Wirtschaft, auch in Richtung nachhaltigen Wirtschaftens. Und nicht zuletzt wollen wir mit dem Modell des "Gründungssparens" gezielt die Jungunternehmerförderung verbessern, sofern vom Bund die steuerlichen Voraussetzungen geschaffen werden.

  1. Strategie: Die Forcierung der beruflichen Aus- und Weiterbildung sowie der Forschung und Entwicklung in Vorarlberg.

  2. Die Forcierung des Technologietransfers - die möglichst rasche Umsetzung technologischer Fortschritte. Gerade dabei ist Flexibilität unserer klein- und mittelständisch strukturierten Wirtschaft von Vorteil. Und das gilt auch für

  3. die Forcierung der Telekommunikation, die Teilnahme an Daten- bzw. Kommunikationsnetzen - eine Telekomm-Offensive ist die Zukunftsstrategie der nächsten Jahre schlechthin. So wie der Bahnbau im 19. Jahrhundert Voraussetzung für den wirtschaftlichen Aufschwung unseres Landes bis hinein in die Täler war, so kommt es in den kommenden Jahren darauf an, moderne Infrastrukturen für Telekommunikation auf- und auszubauen, und das möglichst gezielt. Das setzt allerdings auch eine gesetzliche Liberalisierung voraus. Dank öffentlicher und privater Initiative verfügt Vorarlberg bereits über relativ gute Voraussetzungen. Nun gilt es, die Kräfte zu bündeln. Die Landesregierung wird sich deshalb in den nächsten Monaten um die Gründung einer gemeinsamen Gesellschaft für Telekommunikation bemühen.

 

Die Dienstleistungsquote wird weiter steigen. Aber unser Erfolg als Wirtschaftsland wird sehr maßgeblich davon abhängen, wie gut es Vorarlberg gelingt, sich als Produktions-, als moderner Industriestandort zu behaupten. Deshalb gilt es, in den kommenden Jahren auch entsprechendes Gewicht auf die Industriepolitik zu legen.

Generell wird es wesentlich darauf ankommen, unsere Wirtschaft weiter zu internationalisieren. Das gilt für die Erschließung neuer Exportmärkte ebenso wie für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit, gerade auch in der Bodenseeregion.

Eine der Branchen, die am stärksten im internationalen Wettbewerb steht, ist der Tourismus. Aus Sich der Europäischen Union zählt der Tourismus zu den Zukunftsbranchen schlechthin. Mit dem Tourismuskonzept 1992 sind die Vorarlberger Ziele und Wege vorgegeben. Unsere Stärke ist die Kultur Vorarlberger Gastlichkeit, geprägt von Familienbetrieben. Und darin liegt auch unsere Zukunft. Vieles spricht dafür, daß sich mittelfristig die Faszination der Alpen gegen die derzeitigen Dumping-Fernreisen durchsetzen wird. Voraussetzung freilich ist, daß es uns gelingt, unsere Heimat lebenswert zu erhalten. Denn vom Lebenswert hängt auch der Erlebniswert ab. Und beide hängen sehr maßgeblich auch von der Land- und Forstwirtschaft ab.

Land- und Forstwirtschaft
20, 30 Generationen tüchtiger Menschen haben ihr Leben lang dafür gearbeitet, unser rauhes Land zu kultivieren, auch in unseren Bergen einen Lebensraum zu schaffen und zu erhalten. Heute lastet die Bewirtschaftung, die Kultivierung auf 2 Prozent der Bevölkerung. Und wie wenig andere Berufsgruppen sind unsere Bauern durch den Beitritt zur EU besonders herausgefordert, und wir mit ihnen.

Unser Ziel ist die Existenzsicherung der bäuerlichen Familienbetriebe und damit die Sicherung der flächendeckenden Bewirtschaftung unseres Landes und der Versorgung mit hochwertigen heimischen Produkten. Bereits vor der Europa-Abstimmung im Juni dieses Jahres hat die Landesregierung den "Vorarlberger Weg für die Bauern" beschlossen und als Orientierung für eine bäuerliche Landwirtschaft aufgezeigt. In der Umstellungsphase der kommenden Jahre setzen wir Förderungsschwerpunkte auf Qualitätsprogrammen, ländliche Entwicklung und Bildung, Bauern als produzierende Unternehmer und Vermarkter sowie neuen Partnerschaften und Einkommenskombinationen. Die Qualitätssicherung in der Landwirtschaft soll durch eine artgerechte Tierhaltung, natürliche Fütterung und schonende Bodenbewirtschaftung gesichert werden. Die Herausforderungen für unsere Bauern sind enorm. Gefordert sind aber wir alle auch als bewußte Konsumenten.

Energie
Weiterhin höchste Priorität haben Maßnahmen zum Schutz des Waldes. Den Wald zu schützen, setzt aber auch voraus, den Wald zu nützen; vermehrt zum Beispiel als Quelle erneuerbarer Energie. Auf der Grundlage des Energiekonzeptes Vorarlberg sind die Bemühungen zur Nutzung erneuerbarer heimischer Energiequellen konsequent weiterzuführen; neben der ökologisch vertretbaren Nutzung der Wasserkraft vor allem die Biomasse, aber auch die Nutzung alternativer Energieträger wie der Solarenergie. Konkrete Initiativen sind die Förderung von Energieforschungsprojekten, die Fortführung der Biomasseförderung - allerdings mit geänderten Schwerpunkten, da in der ersten Förderungsphase bereits eine Reihe von Pilotprojekten realisiert werden konnte - sowie eine konsequente Fortsetzung der Bemühungen zum rationellen Einsatz von Energie bzw. der Einsparung von Energie in allen Verbrauchssektoren.

Ein energie- und landespolitisches Ziel ist weiterhin der vorzeitige Erwerb der Bundesanteile an den Vorarlberger Illwerken - freilich nicht zu jedem Preis, zumal die Gründerrechte des Landes mittlerweile durch Schiedsgericht klargestellt sind.

Im Hinblick darauf, daß das Energiekonzept Vorarlberg bereits 1988 beschlossen wurde, gilt es in dieser Landtagsperiode, die darin enthaltenen Zielvorstellungen und Maßnahmenvorschläge auf ihre Aktualität hin zu überprüfen. Eine kardinale Aufgabe, eine nationale und europäische Aufgabe ist die Ökologisierung des Steuersystems bei gleichzeitiger steuerlicher Entlastung der Arbeit. Das Steuersystem soll erneuerbare und alternative Energien bevorzugen. Mit einer gleichmäßigen Energiebesteuerung ist es nicht getan und ohne CO2-Komponente wäre die Reform ein Torso. Ich betone das gerade auch im Hinblick auf die Umsetzung des Vorarlberger Klimaschutzprogramms.

Die EU-Kommission ist mit ihrem Vorschlag auf einem guten Weg. Eine wirtschaftlich, ökologisch und sozial vertretbare Lösung wird jedenfalls ungemein schwierig sein und kann nur in kleinen Schritten verwirklicht werden. Das Modell einer ökosozialen Marktwirtschaft wird in der Praxis jedenfalls immer mehr an Kontur gewinnen. Sie ist das Wirtschaftssystem des 21. Jahrhunderts.

Natur- und Umweltschutz
"Von der Insel hin zur Fläche", dieses Ziel verfolgt auch der Naturschutz und im Zeichen dieser Neuorientierung soll auch das neue Naturschutzgesetz gesehen werden, das zu den wichtigsten Gesetzesvorhaben zählt. Der integrierte Natur- und Umweltschutz verlangt eine enge Zusammenarbeit aller berührten Abteilungen. Unter anderem steht an die Erstellung eines Fließgewässerinventars, eine Aktualisierung des Biotopinventars an, die Umsetzung der Naturschutzrichtlinien der Europäischen Union und - ein immer drängenderes Problem - die naturschonende Rückführung des Klärschlamms in den natürlichen Kreislauf, die Errichtung von regionalen Klärschlamm-Veredelungsanlagen in der Nähe von Abwasserbehandlungsanlagen, die Umsetzung des Klärschlammkonzepts.

Priorität kommt dabei dem qualitativen Bodenschutz zu und damit auch dem Schutz des Grundwassers. Dessen unschätzbarer Wert wird meist erst richtig bewußt, wenn man andere Länder bereist. Ein wasserwirtschaftliches Gesamtkonzept "Ill-Frutz-Schwemmfächer" und ein Trinkwasservorsorgekonzept werden zwei Schwerpunkte der wasserwirtschaftlichen Planung und Arbeit bilden. Wichtig auch die Realisierung einer Bioabfallbehandlungungsanlage im Oberland, um die getrennte Sammlung biogener Abfälle auf ganz Vorarlberg ausdehnen zu können. Ein zentrales Thema wird weiterhin die Abfallvermeidung sein.

Als oberstes Gebot muß unserer Arbeit das Vorsorgeprinzip zugrunde liegen, denn Vorbeugen und Vermeiden ist besser und billiger als Sanieren. Unser Ziel ist es, den erreichten Wohlstand in einer gesunden und lebenswerten Umwelt zu sichern. Dabei sind wir aber auch auf die Mitwirkung aller Bürger angewiesen. Jeder trägt Mitverantwortung für seine Lebenswelt, für unser Land.

Steigende Ansprüche an einen kleinen Raum bei gleichzeitiger Verknappung von Grund und Boden verschärfen die räumlichen Interessenkonflikte. Mit 550 Einwohnern pro km2 Dauersiedlungsraum weist Vorarlberg gegenüber dem österreichischen Durchschnitt mehr als die doppelte Wohndichte auf! Und zwei Drittel der Bevölkerung leben im Rheintal.

Raumplanung
Damit steigen auch die Anforderungen an die Raumplanung bei der Interessenabstimmung. Im Spannungsfeld unvermeidlicher Gegensätze soll sie auf Versachlichung und Entschärfung der Konflikte hinwirken, etwa im Zuge von Umwelt- und Raumverträglichkeitsprüfungen. Sie soll das Entstehen unnötiger Probleme von vornherein vermeiden helfen. Maßgebliche Impulse werden vom neuen Raumplanungsgesetz erwartet, dem vermutlich wichtigsten Gesetzesvorhaben. Es soll eine neue Phase der örtlichen Raumplanung einleiten. Dabei wird die Raumplanung des Landes gefordert sein, den Gemeinden die nötigen Orientierungshilfen bereitzustellen, vor allem zur Erarbeitung räumlicher Entwicklungskonzepte und zur Neubarbeitung der Flächenwidmungspläne unter veränderten Rahmenbedingungen. Die neue Entwicklungsphase der Raumplanung erfordert für alle Aufgaben eine Erneuerung der Planungsgrundlagen. Wesentliche Fortschritte dürfen wir dabei vom Aufbau des Geographischen Informationssystems erwarten.

Eine Neuorientierung in der örtlichen Raumplanung geht Hand in Hand mit der Gemeindeentwicklung. Auch in dieser Hinsicht wird das Land den Gemeinden weiterhin Beratung, Aus- und Weiterbildung und - noch gezielter als bisher - eine finanzielle Beteiligung anbieten. Die Landesregierung ist sich bewußt, daß zur Lösung der meisten Probleme eine gute Zusammenarbeit zwischen Land und Gemeinden unbedingt erforderlich ist. Entsprechend werden wir uns darum bemühen.

Verkehr
Die verkehrspolitischen Ziele und Wege gibt die "Verkehrsplanung Vorarlberg 1992" vor; als vorrangige Anliegen Maßnahmen zur Verkehrsvermeidung, das Auffangen der Zuwachsraten im motorisierten Individualverkehr, die Förderung des nicht motorisierten Verkehrs sowie die laufenden Verbesserungen des Angebots im öffentlichen Personennahverkehr. Konkret streben wir die Weiterentwicklung des Verkehrsverbundes an, die Verbesserung des ÖPNV-Angebotes im Walgau mit Seitentälern und grenzüberschreitend in Richtung Liechtenstein und St. Gallen, die laufende Verbesserung des Radwegenetzes - insbesondere auch für den Berufsverkehr - und die Realisierung von Lärmschutzmaßnahmen an Eisenbahnstrecken entsprechend der mit dem Bund und der ÖBB ausgearbeiteten Dringlichkeitsreihung.

Das hochrangige Bundesstraßennetz ist bis auf wenige wichtige Verbindungen abgeschlossen. Die Lücke auf der S 16 zwischen Innerbraz und Dalaas wird bereits geschlossen, die Auflageverfahren für die S 18 und die Neutrassierung der B 200 laufen. Jedenfalls muß in den kommenden Jahren entsprechend dem Verkehrskonzept auch die Frage des Letzetunnels forciert werden. Im Landesstraßenbau und im Landeshochbau müssen wir uns aufgrund der Budgetsituation auf die Fertigstellung begonnener und eine schrittweise Verwirklichung der dringendsten Bauvorhaben beschränken.

Wohnbau
Eine enorme Herausforderung ist auch die Wohnbauförderung. Unser Ziel ist es, trotz Verknappung der Budgetmittel in den nächsten Jahren eine Bauleistung von jährlich über 2.000 Neubauwohnungen und über 3.000 Sanierungen zu halten. Beim Bund werden wir unsere Forderung nach einer Verländerung des Mietrechts und nach steuerlichen Erleichterungen bei der Vermietung bekräftigen.

Im Wohnbedarf spiegeln sich verschiedene gesellschaftliche Entwicklungen wider: die Bevölkerungszunahme, ein steigender Lebensstandard und eine zunehmende Vereinzelung, vor allem auch durch Scheidung und die zunehmende Zahl hochbetagter Mitmenschen.

Die Bevölkerung Vorarlbergs ist in den vergangenen fünf Jahren um gut 20.000 Menschen auf 354.000 gewachsen. Die Zuwachsraten der Hochkunjunktur sind allerdings deutlich verflacht, der Zuzug aus dem Ausland ist praktisch zum Stillstand gekommen. Und gerade in Anbetracht der schwierigen Lage auf dem Arbeitsmarkt ist auch in den kommenden Jahren eine restriktive Zuwanderungspolitik geboten; gerade auch im Interesse der ausländischen Mitmenschen, die bereits seit längerem bei uns leben und sich um eine bessere Integration bemühen.

1960 benötigte jeder Vorarlberger im Schnitt kaum mehr als 20m2 Wohnfläche, heute sind es bereits über 30m2. Darin drückt sich nicht allein, maßgeblich aber auch ein steigender Lebensstandard aus. Und wir müssen uns ganz generell fragen, wo die Grenzen liegen. Ob wir sie nicht auf Kosten künftiger Generationen hier und da bereits überschritten haben. Und es darf auch bezweifelt werden, ob in Zukunft eine Verbesserung der Lebensqualität überhaupt noch durch ein Mehr an Lebensstandard erreicht werden kann. - Ich sage es ganz lapidar: Bescheidenheit muß wieder zu einer anerkannten Tugend werden. Eine Tugend, die wir von den älteren Generationen lernen können.

Sozialpolitik
Ein ehrlicher Blick auf die Finanzsituation des Bundes zeigt, daß wir uns zu viel Wohlstand auf Kredit geleistet, daß wir die Grenzen eigentlich schon längst überschritten haben. Sie ist aber auch die Folge verfehlter Grundsätze des sozialen Ausgleichs, einer verfehlten Umverteilung nach dem Prinzip der Gleichheit. Mit dem Gießkannen-Prinzip läßt sich soziale Gerechtigkeit nicht verwirklichen. Was haben denn zum Beispiel Gratisschulbücher oder Gratisschulfahrten für alle mit sozialer Gerechtigkeit zu tun? Mit dem Argument des gleichen Zugangs wurde allen der freie Zugang zu den Hochschulen eröffnet. Der Anteil von Arbeiterkindern an den Universitäten konnte dadurch nicht erhöht werden. Die Folgen solcher Sozialpolitik sind nicht mehr soziale Gerechtigkeit, sondern eine soziale Unfinanzierbarkeit verbunden mit einem staatlich regelrecht anerzogenen Anspruchsdenken. Und heute stehen wir vor der Gefahr, vor der Cariats-Präsident Helmut Schüller Anfang dieses Jahres in Feldkirch gewarnt hat - vor der Gefahr, daß das soziale Netz reißen könnte; daß für jene, die Hilfe wirklich benötigen, Hilfe nicht mehr finanzierbar sein könnte.

Verzichten tut weh. Wenn wir aber auf den sozialen Frieden nicht verzichten wollen, dann ist es höchste Zeit, daß wir verstärkt dem Prinzip der Verteilungsgerechtigkeit statt einer Verteilungsgleichheit zum Durchbruch verhelfen und damit die soziale Treffsicherheit erhöhen; zum Beispiel durch eine stärkere Verlagerung von der Objekt- zur Subjektförderung.

Die Utopie der Gleichheit endete im Fiasko. Es gibt kein Grundrecht auf Glück. Auch nicht in der vielzitierten amerikanischen Verfassung. Dort ist lediglich ein Recht des "pursuit of happines", des Strebens nach Glück verankert. Keinem soll dieses Recht verweigert werden können. Von jedem kann nach Maßgabe seiner Möglichkeiten Leistung verlangt werden, und Leistung muß sich bezahlt machen. Verstärkt, möchte ich hinzufügen, durch mehr Eigenvorsorge. Aber ein Staat kann sich auch nicht mit dem "größtmöglichen Glück der größtmöglichen Zahl" zufrieden geben. Aufgabe des Staates ist es, jedem seiner Bürger die Chance auf ein Leben in Würde zu geben. Auch und gerade jenen Menschen, die besonders oder gar ausschließlich auf ihre Mitmenschen angewiesen sind. Menschenwürde ist kein Almosen, sondern das Grundrecht schlechthin. Wer die Würde eines anderen Menschen nicht ernst nimmt, gefährdet seine eigene. Der Umgang mit Schwachen und Hilflosen ist die Nagelprobe jeder Gesellschaft.

Wir stehen vor Jahren der gesellschaftlichen Bewährung. Es gibt bei einer verantwortungsbewußten Budgetpolitik auf absehbare Zeit keine Zuwächse mehr zu verteilen. Solidarität ist gefordert und eine gerechtere Verteilung der Leistungen und der Lasten. Daran führt kein Weg vorbei, wenn wir den sozialen Frieden auf Dauer sichern und offene Verteilungskämpfe vermeiden wollen.

Alter hat Zukunft
Ich sage das gerade auch, weil die Zahl der betagten und hochbetagten Menschen immer rascher und stärker zunehmen wird. Eine enorme Herausforderung. Und ich denke, wir können froh und stolz sein, daß wir in Vorarlberg mit unserem Konzept "Alter hat Zukunft" rechtzeitig die richtigen Weichen gestellt haben. Mit der Förderung der Pflege in der Familie und dem Ausbau der ambulanten Dienste, mit der Sicherung der Vielfalt des sozialen Netzes in Wohnortnähe; mit dem bedürfnisgerechten Ausbau von Seniorenwohngemeinschaften, Alters- und Pflegeheimen sowie Tageseinrichtungen für betagte Menschen, und das möglichst dezentral und überschaubar; dort, wo die Menschen wurzeln. - Vieles ist bereits geschehen, weit mehr noch gilt es zu tun. Dazu zählt die Förderung des menschengerechten Bauens und Wohnens, die Förderung von Initiativen, die zum besseren Verständnis zwischen den Generationen beitragen, die Förderung von Bildungsangeboten, Sport und Freizeitmöglichkeiten für ältere Menschen.

Vielleicht noch nicht in den nächsten fünf Jahren, sicher aber in den Jahrzehnten nach der Jahrtausendwende wird der zunehmende Anteil älterer Menschen - der heute noch Jungen! - unsere Gesellschaft in allen Bereichen verändern (vermutlich auch den Landtag). Und das bedeutet durchaus auch Chancen, denn der Erfahrungsschatz der Generationen ist von großem Wert. Wenn es gelingt, unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger jenseits der Pensionsgrenze dafür zu gewinnen, das gesellschaftliche Leben weiterhin aktiv mitzugestalten, dann kann unser Land davon sehr profitieren.

Gesundheitswesen
Mit der Umsetzung des Vorarlberger Spitalsplanes 2000/2010 tragen wir den demographischen Entwicklungen auch im Gesundheitssystem Rechnung; insbesondere auch mit der Erweiterung des Nachsorgenetzes, der Verbesserung der Rehabilitationsmöglichkeiten und der Verbesserung der tagesklinischen Versorgung. Und richtungsweisend für ganz Österreich kann und soll die Durchführung des Pilotprojektes "Leistungsorientierte Krankenhausfinanzierung" werden. Sie wird Voraussetzung dafür sein, daß das Spitalswesen in Zukunft überhaupt noch finanzierbar ist. - Verstärken wollen wir auch die Initiativen im Bereich der medizinischen Vorsorge, gerade auch in Kindergärten und Schulen und über den Fonds "Gesundes Vorarlberg".

Familien
Älter wird jeder von uns und keiner weiß, ob er nicht morgen schon auf Betreuung und Pflege angewiesen ist. Besonderes Augenmerk gilt auch weiterhin der Förderung und Integration unserer behinderten Mitmenschen und ihrer Familien. Von der Integration in Kindergarten und Schule bis zur Sicherung des Modells "Geschützte Arbeitsplätze".

Jeder Staat ist gut beraten, seine Familien besonders zu fördern. Reißt einmal das familiäre Netz, dann reißt unweigerlich das gesamte soziale Netz. Vor allem aber: Wo sollen wir Solidarität lernen, Toleranz und Achtung; wo sollen wir Schutz erfahren, Liebe und Heimat, wenn nicht in der prägenden Familie. Eine familienfeindliche Gesellschaft ist zum Scheitern verurteilt. Vorarlberg soll und muß ein Familienland bleiben.

Keine Angst, wir geben uns keiner romantischen Verklärung hin, wir wissen sehr wohl um die vielen Probleme in der Familie und auch um die teils prekäre familiäre Situation in unserem Land. Aber nicht trotzdem, sondern gerade deshalb müssen wir die Familien noch stärker fördern. Und wenn wir trotz notwendigem Sparkurs die Familienzuschüsse auf das erste Kind ausgeweitet haben, dann ist das auch ein klares Bekenntnis in diese Richtung.

Die Betreuung und Erziehung der Kleinkinder in der Familie ist für uns das erstrebenswerte Ziel. Und das wollen wir vorrangig ermöglichen. Wir verkennen aber nicht, daß auch eine bedarfsgerechte Erweiterung an außerfamiliären Betreuungsmöglichkeiten notwendig sein wird. Gemeinsam mit den Gemeinden werden wir uns darum bemühen.

Es geziemt sich eigentlich nicht, wenn das ausgerechnet ein Politiker sagt, der leider viel zu wenig Zeit für seine Familie hat: Aber ich denke, Familie muß viel stärker auch zur Männersache werden. Als Vater dreier berufstätiger Mütter habe ich das gelernt.

Frauen
Die Mehrheit der Vorarlberger Bevölkerung sind Frauen. Die Vorarlberger Frauenstudie zeigt, wie vielfältig das Leben der Frauen geworden ist und wo entsprechende Weichenstellungen erwartet werden. So soll etwa dem Wunsch nach umfassender Information zu sämtlichen arbeitsmarktpolitischen, gesellschaftlichen und rechtlichen Fragen durch ein Fraueninformationszentrum in Feldkirch Rechnung getragen werden. Landesintern soll ein Gleichbehandlungskonzept mit einem entsprechenden Gleichbehandlungsgesetz eine Partizipation von Frauen in allen Entscheidungsebenen der Verwaltung ermöglichen.

Bildung und Forschung
Von großer Bedeutung - gerade für Frauen - ist auch ein breitgefächertes und qualifiziertes Angebot im Bereich der Aus - und Weiterbildung. Und Vorarlberg kann durchaus stolz sein auf seine zahlreichen, dynamischen Bildungseinrichtungen. Das Land wird sie soweit als möglich und nötig auch weiterhin in ihrem Bildungsauftrag unterstützen, zum Beispiel auch über den Aufbau einer regionalen Bildungsdatenbank. Und das Land wird auch selbst als Bildungsträger weiterhin große Anstrengungen unternehmen, vor allem im weiteren Ausbau des Berufsschulwesens, bei den berufsbegleitenden Studienprogrammen in Schloß Hofen und beim Ausbau des Technikums zu einer Fachhochschule - dem Fachhochschul-Studiengang "Fertigungsautomatisierung" soll ein zweiter Studiengang "Betriebliches Prozeß- und Projektmanagement" folgen. Ein drängendes Vorhaben ist auch die Schaffung weiterer Heimplätze für Vorarlberger Studierende an den Hochschulen. Erfreulich ist die hohe Akzeptanz des Vorarlbergs-Stipendiums für Studien- und Forschungssemester im Ausland, aber auch der große Zuspruch, den unsere sehr moderne Landesbibliothek erfährt.

Die Schlüsselfunktion der Bildung für den Wirtschaftsstandort Vorarlberg habe ich bereits deutlich gemacht. Gleichrangig zu werten ist aber auch die Persönlichkeitsbildung, die Förderung der Kreativität, ob in den Musikschulen, im Konservatorium oder in den Einrichtungen der allgemeinen Erwachsenenbildung. Von der Volksschule weg wird es für die Zukunft auf die Vermittlung einer Qualifikation mehr denn je ankommen: auf die Qualifikation zur Verantwortung - der Verantwortung für sich selbst, für seine Mitmenschen, für die Gemeinschaft, für die Umwelt. Verantwortung kann und muß man lehren und lernen.

Jugend
Ich denke, dieser Aspekt sollte stark auch in die Jugendpolitik einfließen. Die Jugend zu fördern, ist zu wenig. Die Jugend will auch gefordert werden. Deshalb setzen wir auch in der Jugendförderung auf Eigeninitiative und Mitverantwortung und damit auf Sinngebung, ob in der offenen Jugendarbeit oder in den Jugendvereinen. Schwerpunkte werden unter anderem die Jugendinformation, Medienerziehung oder die Schaffung von mehr "Jugendfreiräumen" in den Gemeinden in Form von Jugendtreffs sein, und vermehrt auch die interkulturelle Jugendarbeit.

Sport
Zu den besten Möglichkeiten der Entfaltung junger Menschen zählen Sport und Kultur. - Zukunftsorientierte Sportpolitik wird vor allem auf geänderte Freizeitmuster, neue Werthaltungen sowie neue Sportmotive abzustimmen sein. Über die traditionellen Aufgaben der Talentsuche und -förderung, des Angebots an Sportveranstaltungen und Wettkämpfen hinaus wollen wir die Sportvereine und -verbände darin unterstützen, ein flexibles, freizeit- und gesundheitsorientiertes Übungsangebot zu bieten, das die Sportbedürfnisse aller Altersgruppen deckt. Gleichzeitig ist die Koordination zwischen Schule und Sport zu verbessern. Im Rahmen der budgetären Möglichkeiten werden wir auch bemüht sein, zur Optimierung der Freizeit- und Sportinfrastruktur beizutragen. Zudem wird in Dornbirn eine Sport-Informations- und -Dokumentationsstelle eingerichtet.

Kultur
Kulturpolitik ist kein leichtes Terrain und ganz besonders nicht in Zeiten, in denen man sicher nicht aus dem vollen schöpfen kann. Zweifellos werden wir in den kommenden Jahren gerade auch in der Kultur bei weitem nicht alles verwirklichen können, was wünschenswert wäre. Unser Ziel muß es dennoch sein, dem Kulturauftrag der Landesverfassung möglichst gerecht zu werden. Zigtausend Menschen in diesem Land sind kulturschaffend. Als professionelle Künstler genauso wie in Musikvereinen, Theatergruppen, Kulturvereinen usw. Wir Vorarlberger dürfen stolz darauf sein, daß unser Land, gemessen an der Bevölkerungszahl am meisten Musikschülern und -studenten zählt. Stolz sein aber auch darauf, daß insgesamt das Interresse an Kultur, die Kunstbegeisterung ständig zunimmt, das kulturelle Angebot auch immer breiter und besser wird und als gutes Stück Lebensqualität empfunden wird. Stolz sein, daß Vorarlberg auch als Kulturland immer mehr an Ansehen gewinnt. - In den Bereichen, in denen das Land selbst Kultur anbietet, wird die Errichtung des Vorarlberger Kunsthauses in Bregenz zweifellos das bedeutendste Projekt der nächsten Jahre sein.

Landesverwaltung
In der Landesverwaltung haben wir in den vergangenen Jahren zum Teil tiefgreifende Umstrukturierungen vorgenommen, um den vielen geänderten und neuen Aufgabenstellungen gerecht werden zu können. Die Vorarlberger Landesverwaltung verfügt im Verhältnis zur Einwohnerzahl über die wenigsten Mitarbeiter und wurde gleichzeitig in einer österreichweiten Umfrage von der Bevölkerung als mit Abstand am bürgerfreundlichsten bewertet. Möglich ist beides nur, weil unsere Landesverwaltung sicher zu den modernsten öffentlichen Dienstleistungsunternehmen zählt.
Wenn es gelungen ist, den ständig steigenden Anforderungen ohne große Ausweitung des Personalstandes gerecht zu werden, dann vor allem auch durch den gezielten Einsatz leistungsfähiger Informatik. In den kommenden Jahren werden wir uns bemühen, die Effizienz mit Telekommunikation noch weiter zu steigern. Als erste Unternehmen Vorarlbergs wurden die Dienststellen des Landes heuer über MAN und ISDN verbunden. Das Land ist auch deshalb in Vorlage getreten, um der Wirtschaft einen Knotenpunkt zu eröffnen; den ersten MAN-Knoten in Österreich. - Zu einer modernen Verwaltung gehört auch eine anforderungs- und leistungsgerechte Entlohnung aufgrund einer differenzierten Arbeitsplatzbewertung. Deshalb zählt auch die Gehaltsreform zu den wichtigen Zielen in dieser Regierungsperiode. Ich darf Ihnen versichern, daß wir gerade in der Landesverwaltung auch weiterhin auf Sparsamkeit und Effizienz bedacht sein werden.

Gesetzgebung
Dem Landtag will die Landesregierung Vorschläge für eine umfangreiche Gesetzgebung unterbreiten. Neben der EWR- und EU-Rechtsanpassung stehen die Änderung bzw. Neufassung mehrerer Landesgesetze an. Das legistische Programm umfaßt das Raumplanungsgesetz und das Natur- und Landschaftsschutzgesetz, das Bau-, Abfall-, Gemeindewahl-, Landwirtschaftskammer- und Pflichtschulorganisationsgesetz.

Sicherheit
Eine Kernaufgabe jedes Staatswesens ist die Sicherheit seiner Bürger. Und Vorarlberg muß ein sicheres Land bleiben. Die Wahrung der öffentlichen Sicherheit ist Bundesaufgabe. Die Landesregierung wird Gendamerie, Bundesheer, Zoll und Justiz weiterhin nach Kräften unterstützen. Das gilt selbstverständlich auch für die freiwilligen Rettungs- und Katastrophendienste. Gerade die Unwetterkatastrophe in Norditalien hat ihre Bedeutung wieder bewußt gemacht. Nach Fertigstellung der technischen Anlagen kann die Rettungs- und Feuerwehrleitstelle in Feldkirch den Betrieb aufnehmen. Weitere Vorhaben sind der Abschluß des flächendeckenden Ausbaus der bodengebundenen Notarztrettungsdienste und die Errichtung eines Stützpunktes für die Flugrettung im Raum Feldkirch-Walgau. Weiterhin großes Augenmerk werden wir auch der Verkehrssicherheit schenken, vor allem auch der Förderung der Verkehrserziehung.

Entwicklungszusammenarbeit
Unsere Mitverantwortung und damit Hilfe hört an den Landesgrenzen nicht auf. Wir haben auch eine bestimmte Verantwortung gegenüber den Menschen in den Ländern der Dritten Welt und in den Reformstaaten Ost- und Mitteleuropas. Und einer guten Vorarlberger Tradition folgend wollen wir uns auch in den kommenden Jahren um eine anständige Entwicklungszusammenarbeit und Osthilfe bemühen; wollen wir überschaubare Hilfe zur Selbsthilfe geben. Gerade als ein Land, das nach dem Krieg mit westlicher Hilfe seinen Wiederaufbau in Angriff nehmen konnte, sollte Österreich auch als Anwalt der Reformstaaten in die Europäische Union eintreten.

Europäische Integration
Ich muß nicht betonen, welche Herausforderung die europäische Integration für ganz Vorarlberg bedeutet. Der Eintritt in die Europäische Union wird viele unserer Lebensbereiche verändern - einige sehr, andere weniger. Unser gemeinsames Ziel muß es sein, die Chancen bestmöglich zu nützen und die Risken und Lasten bestmöglich zu mindern. Die Landesregierung wird alles daran setzen, das ihre dazu beizutragen. Auch jene Wirtschaftssektoren, die sich für den Beitritt stark gemacht haben, sind jetzt besonders gefordert.

Für 1996 ist eine Maastricht-Nachfolgekonferenz geplant, auf der erneut wichtige Weichen gestellt werden sollen. Und gleichberechtigt wird Österreich diese Weichenstellungen mitbestimmen, nach unseren Vorstellungen vor allem auch in Richtung Subsidiarität und Stärkung der Regionen, und damit auch in Richtung bürgernaher, unmittelbarerer Demokratie. - Kundennähe durch Dezentralisierung ist das Zukunftsprinzip der Wirtschaft. Bürgernähe durch Föderalisierung und Regionalisierung muß ein Grundsatz der Europa-Politik sein. Wir sind uns bewußt, daß die Durchsetzung alles andere als einfach sein wird. Deshalb müssen Landesregierung und Landtag weiterhin um eine intensive Mitwirkung am Integrationsprozeß bemüht sein. Bemüht sein vor allem auch, Länder- und Landesinteressen gleichzeitig via Wien und künftig direkt auch über den Ausschuß der Regionen des Europa-Parlaments in Straßburg und Brüssel zu vertreten und durchzusetzen.



Bundesstaatsreform
Gleichzeitig müssen wir aber auch die innerstaatliche Stärkung der Eigen- und Mitverantwortung der Länder vorantreiben. Auch der Bundesrat hat vor wenigen Tagen mit einer gemeinsamen Entschließung aller Fraktionen den Bundeskanzler aufgefordert, auf die Einhaltung der am 8. Oktober 1992 mit den Bundesländern abgeschlossenen Vereinbarung hinzuwirken, wonach die Bundesstaatsreform spätestens gemeinsam mit den EU-Begleitgesetzen zu verabschieden ist. - Sie wissen, daß die Landesregierung für eine noch viel weitergehende Bundesstaatsreform eingetreten ist. Das vorliegende Reformpaket ist ein Kompromiß. Ein Kompromiß aber, der immer noch die tiefgreifendste Reform seit 1929 bedeutete. - Dieses Reformpaket ist ein sehr wichtiges Etappenziel; nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die föderalistische Bundesstaatsreform ist ein permanenter Prozeß.

Die Landeshauptleute haben am 9. November ein Memorandum beschlossen, ein Offert der Länder an den Bund, das Angebot einer stärkeren Partnerschaft in einer entscheidenden Phase: Mitverantwortung gegen Mitentscheidungsrechte. Die Länder bekennen sich zur gemeinsamen Verantwortung bei einer Erneuerung Österreichs. Das setzt aber auch mehr Eigen- und Mitverantwortung der Länder voraus.

Der Eintritt in die Europäische Union bringt mehr Wettbewerb und frischen Wind nach Österreich - von modernem Konsumentenschutz im Versicherungsrecht bis zur Umweltverträglichkeitsprüfung.

Und ich bin der Meinung, wir sollten diesen frischen Wind nützen, um Österreich gründlich zu entstauben und zu modernisieren. Bundesrat, Kammern, Sozialversicherung, Schulorganisation, Finanzverfassung, Finanzverwaltung, Förderungswesen, Krankenhausfinanzierung, Post, Bundesbahn - jedem von uns fallen wichtige Bereiche ein, deren Strukturen hinterfragt, entschlackt und modernisiert gehören, um sie effizienter zu machen. - Wir müssen diesen europäischen Modernisierungsschub voll nützen, um überholte Strukturen zu reformieren.



Weltoffene Heimat
Wir leben in einer schnellen Zeit; in einer manchmal zu schnellen Zeit. Und dennoch bin ich zuversichtlich für ein weltoffenes Vorarlberg. Auf eines allerdings wird es sehr entscheidend ankommen: - Je schneller die Welt sich dreht, desto fester müssen wir verwurzelt bleiben. Verwurzelt in Werten. Verwurzelt in Gemeinschaft. Verwurzelt in Heimat.
Und noch etwas: - Eine gute Politik ist entscheidend. Noch entscheidender für die Zukunft dieses Landes sind seine Menschen. Die Leistungskraft und der Fleiß, der Weitblick und die Tüchtigkeit, die Eigeninitiative und der Gemeinschaftssinn, das Umweltbewußtsein der Menschen in diesem Land, ihre Weltoffenheit und ihre Liebe zu diesem kleinen Land. Und weil ich Vertrauen habe in dieses Land und seine Menschen, sehe ich der Zukunft mit Zuversicht entgegen.

Mit dem Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger müssen wir uns an die Arbeit machen, dieses Land ordentlich zu verwalten und seine Zukunft gewissenhaft zu gestalten. Das ist unser Auftrag. Die Landesregierung bietet allen Fraktionen des Landtages ihre Zusammenarbeit an. Wir werden nicht immer alle einer Meinung sein. Das liegt im Wesen der Demokratie. Aber wahrhaftig und fair sollten wir gemeinsam um gute Ergebnisse ringen.



Optimismus
Vor einigen Tagen veröffentlichte eine österreichische Tageszeitung eine Umfrage über die Stimmungslage in den einzelnen Bundesländern. Die Frage lautete: "Glauben Sie, daß Ihr Bundesland Zukunft hat und etwas weitergeht, oder bleibt es hinter anderen Bundesländern zurück?" - 95 Prozent der befragten Vorarlberger antworteten mit Ja; mehr als in jedem anderen Bundesland. Das Resümee der Zeitung: "Überhaupt ist der Vorarlberger Optimismus unschlagbar."

Erinnern wir uns an das Resümee Karl Poppers: Unsere westlichen demokratischen Gesellschaftsordnungen sind sehr unvollkommen und verbesserungsbedüfrtig, aber sie sind die besten, die es bisher gegeben hat.

Bei allen Fehlern und Schwächen, bei aller berechtigter Kritik: Vor 50 Jahren lag Österreich in Blut und Trümmern. Heute ist Österreich eine gefestigte Demokratie, eine selbstbewußte Nation, geachtetes Mitglied der Völkergemeinschaft und nach einem dynamischen Aufholprozeß einer der wohlhabendsten Staaten der Welt. - Und wir können auch die Herausforderungen der Zukunft ordentlich meistern, wenn wir nur wollen. Mit Pessimismus ist keinem gedient. Mit Zuversicht müssen wir die Zukunft in Angriff nehmen.

Vorarlberg ist kein Paradies auf Erden. Aber es ist ein gutes Land und es ist unsere Heimat, auf die wir alle stolz sein können. Gehen wir gemeinsam an die Arbeit. Für unsere Heimat. Für unser Vorarlberg.

 



Grundsatzerklärung Ziele und Wege der Vorarlberger Regierungspolitik 1994-1999 Bregenz, Landtag, 23.11.1994

Gut fünf Jahre trennen uns noch vom magischen Jahr 2000. Eine Jahrhundertwende und gar eine Jahrtausendwende wurde immer als etwas Besonderes empfunden, nicht selten als etwas Mystisches. Und gerade das Ende eines Jahrhunderts war meist eine sehr bewegte Zeit, eine Phase der Veränderung, des Ausbruchs aus alten Gefügen und des Aufbruchs in eine neue Zeit.

Ich denke, das gilt auch für die kommenden Jahre. Und Vorarlberg steht ohne Zweifel vor außerordentlichen Herausforderungen, vor Jahren der Bewährung. Vor Jahren der europäischen und wirtschaftlichen Bewährung, aber auch vor Jahren der gesellschaftlichen Bewährung.

Eine Politik der Bewährung ist für mich aber keine defensive, sondern eine offensive Politik. Keine Politik der heiligen Kühe, sondern eine Politik der heiligen Werte. Menschenwürde durch Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität bestmöglich zu wahren und zu fördern und damit den Frieden zu sichern, das ist die Herausforderung unserer Demokratie. Und sie setzt auch die Bereitschaft voraus, Strukturen und Modelle immer wieder zu überprüfen, zu überdenken und zu verbessern.

Niemand kann genau wissen, was in fünf Jahren sein wird. Denken wir nur die vergangenen fünf Jahre zurück. Einen Monat nach der Landtagswahl fiel in Berlin die Mauer, am Tag unserer Regierungserklärung ließ sich Ceausescu noch als "strahlender Genius der Nation" preisen. Heute ist Deutschland vereint, das kommunistische Imperium zerfallen, vor unserer Haustüre tobt seit Jahren ein blutiger Krieg und die Österreicher, Finnen und Schweden haben ihren Beitritt zu einer vertieften Europäischen Union beschlossen. Europa ist im Umbruch, Österreich im Aufbruch.

Was in fünf Jahren alles sein wird, das können wir nicht wissen, aber Ziele für Vorarlberg müssen wir bestimmen und uns für bestmögliche Wege entscheiden. Die wichtigsten Ziele der Vorarlberger Landesregierung darf ich Ihnen vorstellen und Wege, die wir einschlagen wollen.

Finanzen
Ich beginne mit den Finanzen. Sie sind ein Lebensnerv der Politik. Die Finanzpolitik von heute entscheidet über die Gestaltungsmöglichkeiten von morgen und übermorgen. Eine Politik auf Pump fällt spätestens der nächsten Generation auf den Kopf. Unser Ziel und unsere Aufgabe ist daher eine langfristige Finanzpolitik.

Wir profitieren heute davon, daß wir in der Vergangenheit keine unverantwortlichen Hypotheken eingegangen sind. Dennoch stehen auch uns finanzpolitisch sehr schwierige Jahre bevor. Die Einnahmenausfälle durch die wirtschaftliche Rezession und die Steuerreform schlagen erst jetzt voll durch und es wird Jahre dauern, bis diese Einbußen durch Steuererträge dank Wirtschaftswachstum wettgemacht werden können. Die fetten Jahre sind vorbei, jetzt steht eine Entschlackungskur an. Haben wir schon bisher jeden Schilling zweimal umgedreht, so werden wir es künftig viermal tun. Und ich bin sicher, daß die Bürgerinnen und Bürger dieses Landes das auch verstehen. In dieser Situation große Versprechungen zu machen, wäre unseriös oder unverantwortlich. Allein das Halten der hohen Vorarlberger Sozial-, Gesundheits-, Bildungs- und Umweltstandards ist ein sehr ehrgeiziges Ziel. Wir werden den Sparkurs fortsetzen und verstärken müssen. Die Ausgaben sind den Einnahmen anzupassen.

Gleichzeitig stehen im Finanzbereich wichtige bundesweite Neuregelungen an: Im Finanzausgleich muß der Bundesstaatlichkeit stärker Rechnung getragen werden. In der EU-Finanzierung müssen für das Land und die Gemeinden vertretbare Lösungen erzielt werden. In der Krankenanstaltenfinanzierung muß endlich auf leistungsorientierte Bezahlung umgestellt werden; Vorarlberg ist für einen Modellversuch gerüstet.

Arbeit und Wirtschaft
Das gesellschaftlich bestimmende Thema der kommenden Jahre wird Arbeit und Wirtschaft sein, eine Herausforderung weit über die Jahrtausendwende hinaus für ein Land mit einer dynamischen Bevölkerungsentwicklung. Wären alle Bundesländer in den letzten 40 Jahren so stark gewachsen wie Vorarlberg, dann würde Österreich heute 12 Millionen Einwohner zählen.

Mit der Entscheidung für Europa haben wir gemeinsam die wichtigste Voraussetzung für eine erfolgreiche Wirtschaftsentwicklung geschaffen. Jetzt gilt es, die Chancen des EU-Standortes zu nützen. - Unser Ziel muß über die Sicherung der bestehenden Arbeitsplätze hinaus die Schaffung Tausender zusätzlicher Arbeitsplätze sein. Arbeitsplätze entstehen aber nicht in Landtagen und nicht in Ministerien, sondern durch Initiativen mutiger und tüchtiger Unternehmer. Aufgabe der Wirtschaftspolitik ist es, bestmögliche Rahmenbedingungen zu schaffen. Dabei verfolgen wir vorrangig vier Zukunftsstrategien:


  1. Die Forcierung von Investitionen in Vorarlberg - in den nächsten Jahren gerade auch durch die konsequente Fortsetzung einer gezielten Betriebsansiedlungspolitik zur Bewältigung des industriellen Strukturwandels. Zielführend ist auch eine Neuorientierung der Wirtschaftsförderung auf Grundlage strategischer Schwerpunktsetzungen für die künftige Entwicklung der Vorarlberger Wirtschaft, auch in Richtung nachhaltigen Wirtschaftens. Und nicht zuletzt wollen wir mit dem Modell des "Gründungssparens" gezielt die Jungunternehmerförderung verbessern, sofern vom Bund die steuerlichen Voraussetzungen geschaffen werden.
  2. Strategie: Die Forcierung der beruflichen Aus- und Weiterbildung sowie der Forschung und Entwicklung in Vorarlberg.
  3. Die Forcierung des Technologietransfers - die möglichst rasche Umsetzung technologischer Fortschritte. Gerade dabei ist Flexibilität unserer klein- und mittelständisch strukturierten Wirtschaft von Vorteil. Und das gilt auch für 4. die Forcierung der Telekommunikation, die Teilnahme an Daten- bzw. Kommunikationsnetzen - eine Telekomm-Offensive ist die Zukunftsstrategie der nächsten Jahre schlechthin. So wie der Bahnbau im 19. Jahrhundert Voraussetzung für den wirtschaftlichen Aufschwung unseres Landes bis hinein in die Täler war, so kommt es in den kommenden Jahren darauf an, moderne Infrastrukturen für Telekommunikation auf- und auszubauen, und das möglichst gezielt. Das setzt allerdings auch eine gesetzliche Liberalisierung voraus. Dank öffentlicher und privater Initiative verfügt Vorarlberg bereits über relativ gute Voraussetzungen. Nun gilt es, die Kräfte zu bündeln. Die Landesregierung wird sich deshalb in den nächsten Monaten um die Gründung einer gemeinsamen Gesellschaft für Telekommunikation bemühen.

Die Dienstleistungsquote wird weiter steigen. Aber unser Erfolg als Wirtschaftsland wird sehr maßgeblich davon abhängen, wie gut es Vorarlberg gelingt, sich als Produktions-, als moderner Industriestandort zu behaupten. Deshalb gilt es, in den kommenden Jahren auch entsprechendes Gewicht auf die Industriepolitik zu legen.

Generell wird es wesentlich darauf ankommen, unsere Wirtschaft weiter zu internationalisieren. Das gilt für die Erschließung neuer Exportmärkte ebenso wie für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit, gerade auch in der Bodenseeregion.

Eine der Branchen, die am stärksten im internationalen Wettbewerb steht, ist der Tourismus. Aus Sicht der Europäischen Union zählt der Tourismus zu den Zukunftsbranchen schlechthin. Mit dem Tourismuskonzept 1992 sind die Vorarlberger Ziele und Wege vorgegeben. Unsere Stärke ist die Kultur Vorarlberger Gastlichkeit, geprägt von Familienbetrieben. Und darin liegt auch unsere Zukunft. Vieles spricht dafür, daß sich mittelfristig die Faszination der Alpen gegen die derzeitigen Dumping-Fernreisen durchsetzen wird. Voraussetzung freilich ist, daß es uns gelingt, unsere Heimat lebenswert zu erhalten. Denn vom Lebenswert hängt auch der Erlebniswert ab. Und beide hängen sehr maßgeblich auch von der Land- und Forstwirtschaft ab.


Land- und Forstwirtschaft
20, 30 Generationen tüchtiger Menschen haben ihr Leben lang dafür gearbeitet, unser rauhes Land zu kultivieren, auch in unseren Bergen einen Lebensraum zu schaffen und zu erhalten. Heute lastet die Bewirtschaftung, die Kultivierung auf 2 Prozent der Bevölkerung. Und wie wenig andere Berufsgruppen sind unsere Bauern durch den Beitritt zur EU besonders herausgefordert, und wir mit ihnen.

Unser Ziel ist die Existenzsicherung der bäuerlichen Familienbetriebe und damit die Sicherung der flächendeckenden Bewirtschaftung unseres Landes und der Versorgung mit hochwertigen heimischen Produkten. Bereits vor der Europa-Abstimmung im Juni dieses Jahres hat die Landesregierung den "Vorarlberger Weg für die Bauern" beschlossen und als Orientierung für eine bäuerliche Landwirtschaft aufgezeigt. In der Umstellungsphase der kommenden Jahre setzen wir Förderungsschwerpunkte auf Qualitätsprogrammen, ländliche Entwicklung und Bildung, Bauern als produzierende Unternehmer und Vermarkter sowie neuen Partnerschaften und Einkommenskombinationen. Die Qualitätssicherung in der Landwirtschaft soll durch eine artgerechte Tierhaltung, natürliche Fütterung und schonende Bodenbewirtschaftung gesichert werden. Die Herausforderungen für unsere Bauern sind enorm. Gefordert sind aber wir alle auch als bewußte Konsumenten.


Energie
Weiterhin höchste Priorität haben Maßnahmen zum Schutz des Waldes. Den Wald zu schützen, setzt aber auch voraus, den Wald zu nützen; vermehrt zum Beispiel als Quelle erneuerbarer Energie. Auf der Grundlage des Energiekonzeptes Vorarlberg sind die Bemühungen zur Nutzung erneuerbarer heimischer Energiequellen konsequent weiterzuführen; neben der ökologisch vertretbaren Nutzung der Wasserkraft vor allem die Biomasse, aber auch die Nutzung alternativer Energieträger wie der Solarenergie. Konkrete Initiativen sind die Förderung von Energieforschungsprojekten, die Fortführung der Biomasseförderung - allerdings mit geänderten Schwerpunkten, da in der ersten Förderungsphase bereits eine Reihe von Pilotprojekten realisiert werden konnte - sowie eine konsequente Fortsetzung der Bemühungen zum rationellen Einsatz von Energie bzw. der Einsparung von Energie in allen Verbrauchssektoren.

Ein energie- und landespolitisches Ziel ist weiterhin der vorzeitige Erwerb der Bundesanteile an den Vorarlberger Illwerken - freilich nicht zu jedem Preis, zumal die Gründerrechte des Landes mittlerweile durch Schiedsgericht klargestellt sind.


Im Hinblick darauf, daß das Energiekonzept Vorarlberg bereits 1988 beschlossen wurde, gilt es in dieser Landtagsperiode, die darin enthaltenen Zielvorstellungen und Maßnahmenvorschläge auf ihre Aktualität hin zu überprüfen. Eine kardinale Aufgabe, eine nationale und europäische Aufgabe ist die Ökologisierung des Steuersystems bei gleichzeitiger steuerlicher Entlastung der Arbeit. Das Steuersystem soll erneuerbare und alternative Energien bevorzugen. Mit einer gleichmäßigen Energiebesteuerung ist es nicht getan und ohne CO2-Komponente wäre die Reform ein Torso. Ich betone das gerade auch im Hinblick auf die Umsetzung des Vorarlberger Klimaschutzprogramms.

Die EU-Kommission ist mit ihrem Vorschlag auf einem guten Weg. Eine wirtschaftlich, ökologisch und sozial vertretbare Lösung wird jedenfalls ungemein schwierig sein und kann nur in kleinen Schritten verwirklicht werden. Das Modell einer ökosozialen Marktwirtschaft wird in der Praxis jedenfalls immer mehr an Kontur gewinnen. Sie ist das Wirtschaftssystem des 21. Jahrhunderts.


Natur- und Umweltschutz

"Von der Insel hin zur Fläche", dieses Ziel verfolgt auch der Naturschutz und im Zeichen dieser Neuorientierung soll auch das neue Naturschutzgesetz gesehen werden, das zu den wichtigsten Gesetzesvorhaben zählt. Der integrierte Natur- und Umweltschutz verlangt eine enge Zusammenarbeit aller berührten Abteilungen. Unter anderem steht an die Erstellung eines Fließgewässerinventars, eine Aktualisierung des Biotopinventars an, die Umsetzung der Naturschutzrichtlinien der Europäischen Union und - ein immer drängenderes Problem - die naturschonende Rückführung des Klärschlamms in den natürlichen Kreislauf, die Errichtung von regionalen Klärschlamm-Veredelungsanlagen in der Nähe von Abwasserbehandlungsanlagen, die Umsetzung des Klärschlammkonzepts.

Priorität kommt dabei dem qualitativen Bodenschutz zu und damit auch dem Schutz des Grundwassers. Dessen unschätzbarer Wert wird meist erst richtig bewußt, wenn man andere Länder bereist. Ein wasserwirtschaftliches Gesamtkonzept "Ill-Frutz-Schwemmfächer" und ein Trinkwasservorsorgekonzept werden zwei Schwerpunkte der wasserwirtschaftlichen Planung und Arbeit bilden. Wichtig auch die Realisierung einer Bioabfallbehandlungungsanlage im Oberland, um die getrennte Sammlung biogener Abfälle auf ganz Vorarlberg ausdehnen zu können. Ein zentrales Thema wird weiterhin die Abfallvermeidung sein.

Als oberstes Gebot muß unserer Arbeit das Vorsorgeprinzip zugrunde liegen, denn Vorbeugen und Vermeiden ist besser und billiger als Sanieren. Unser Ziel ist es, den erreichten Wohlstand in einer gesunden und lebenswerten Umwelt zu sichern. Dabei sind wir aber auch auf die Mitwirkung aller Bürger angewiesen. Jeder trägt Mitverantwortung für seine Lebenswelt, für unser Land.

Steigende Ansprüche an einen kleinen Raum bei gleichzeitiger Verknappung von Grund und Boden verschärfen die räumlichen Interessenkonflikte. Mit 550 Einwohnern pro km2 Dauersiedlungsraum weist Vorarlberg gegenüber dem österreichischen Durchschnitt mehr als die doppelte Wohndichte auf! Und zwei Drittel der Bevölkerung leben im Rheintal.


Raumplanung

Damit steigen auch die Anforderungen an die Raumplanung bei der Interessenabstimmung. Im Spannungsfeld unvermeidlicher Gegensätze soll sie auf Versachlichung und Entschärfung der Konflikte hinwirken, etwa im Zuge von Umwelt- und Raumverträglichkeitsprüfungen. Sie soll das Entstehen unnötiger Probleme von vornherein vermeiden helfen. Maßgebliche Impulse werden vom neuen Raumplanungsgesetz erwartet, dem vermutlich wichtigsten Gesetzesvorhaben. Es soll eine neue Phase der örtlichen Raumplanung einleiten. Dabei wird die Raumplanung des Landes gefordert sein, den Gemeinden die nötigen Orientierungshilfen bereitzustellen, vor allem zur Erarbeitung räumlicher Entwicklungskonzepte und zur Neubarbeitung der Flächenwidmungspläne unter veränderten Rahmenbedingungen. Die neue Entwicklungsphase der Raumplanung erfordert für alle Aufgaben eine Erneuerung der Planungsgrundlagen. Wesentliche Fortschritte dürfen wir dabei vom Aufbau des Geographischen Informationssystems erwarten.

Eine Neuorientierung in der örtlichen Raumplanung geht Hand in Hand mit der Gemeindeentwicklung. Auch in dieser Hinsicht wird das Land den Gemeinden weiterhin Beratung, Aus- und Weiterbildung und - noch gezielter als bisher - eine finanzielle Beteiligung anbieten. Die Landesregierung ist sich bewußt, daß zur Lösung der meisten Probleme eine gute Zusammenarbeit zwischen Land und Gemeinden unbedingt erforderlich ist. Entsprechend werden wir uns darum bemühen.


Verkehr
Die verkehrspolitischen Ziele und Wege gibt die "Verkehrsplanung Vorarlberg 1992" vor; als vorrangige Anliegen Maßnahmen zur Verkehrsvermeidung, das Auffangen der Zuwachsraten im motorisierten Individualverkehr, die Förderung des nicht motorisierten Verkehrs sowie die laufenden Verbesserungen des Angebots im öffentlichen Personennahverkehr. Konkret streben wir die Weiterentwicklung des Verkehrsverbundes an, die Verbesserung des ÖPNV-Angebotes im Walgau mit Seitentälern und grenzüberschreitend in Richtung Liechtenstein und St. Gallen, die laufende Verbesserung des Radwegenetzes - insbesondere auch für den Berufsverkehr - und die Realisierung von Lärmschutzmaßnahmen an Eisenbahnstrecken entsprechend der mit dem Bund und der ÖBB ausgearbeiteten Dringlichkeitsreihung.

Das hochrangige Bundesstraßennetz ist bis auf wenige wichtige Verbindungen abgeschlossen. Die Lücke auf der S 16 zwischen Innerbraz und Dalaas wird bereits geschlossen, die Auflageverfahren für die S 18 und die Neutrassierung der B 200 laufen. Jedenfalls muß in den kommenden Jahren entsprechend dem Verkehrskonzept auch die Frage des Letzetunnels forciert werden. Im Landesstraßenbau und im Landeshochbau müssen wir uns aufgrund der Budgetsituation auf die Fertigstellung begonnener und eine schrittweise Verwirklichung der dringendsten Bauvorhaben beschränken.


Wohnbau
Eine enorme Herausforderung ist auch die Wohnbauförderung. Unser Ziel ist es, trotz Verknappung der Budgetmittel in den nächsten Jahren eine Bauleistung von jährlich über 2.000 Neubauwohnungen und über 3.000 Sanierungen zu halten. Beim Bund werden wir unsere Forderung nach einer Verländerung des Mietrechts und nach steuerlichen Erleichterungen bei der Vermietung bekräftigen.

Im Wohnbedarf spiegeln sich verschiedene gesellschaftliche Entwicklungen wider: die Bevölkerungszunahme, ein steigender Lebensstandard und eine zunehmende Vereinzelung, vor allem auch durch Scheidung und die zunehmende Zahl hochbetagter Mitmenschen.

Die Bevölkerung Vorarlbergs ist in den vergangenen fünf Jahren um gut 20.000 Menschen auf 354.000 gewachsen. Die Zuwachsraten der Hochkunjunktur sind allerdings deutlich verflacht, der Zuzug aus dem Ausland ist praktisch zum Stillstand gekommen. Und gerade in Anbetracht der schwierigen Lage auf dem Arbeitsmarkt ist auch in den kommenden Jahren eine restriktive Zuwanderungspolitik geboten; gerade auch im Interesse der ausländischen Mitmenschen, die bereits seit längerem bei uns leben und sich um eine bessere Integration bemühen.

1960 benötigte jeder Vorarlberger im Schnitt kaum mehr als 20m2 Wohnfläche, heute sind es bereits über 30m2. Darin drückt sich nicht allein, maßgeblich aber auch ein steigender Lebensstandard aus. Und wir müssen uns ganz generell fragen, wo die Grenzen liegen. Ob wir sie nicht auf Kosten künftiger Generationen hier und da bereits überschritten haben. Und es darf auch bezweifelt werden, ob in Zukunft eine Verbesserung der Lebensqualität überhaupt noch durch ein Mehr an Lebensstandard erreicht werden kann. - Ich sage es ganz lapidar: Bescheidenheit muß wieder zu einer anerkannten Tugend werden. Eine Tugend, die wir von den älteren Generationen lernen können.


Sozialpolitik
Ein ehrlicher Blick auf die Finanzsituation des Bundes zeigt, daß wir uns zu viel Wohlstand auf Kredit geleistet, daß wir die Grenzen eigentlich schon längst übeschritten haben. Sie ist aber auch die Folge verfehlter Grundsätze des sozialen Ausgleichs, einer verfehlten Umverteilung nach dem Prinzip der Gleichheit. Mit dem Gießkannen-Prinzip läßt sich soziale Gerechtigkeit nicht verwirklichen. Was haben denn zum Beispiel Gratisschulbücher oder Gratisschulfahrten für alle mit sozialer Gerechtigkeit zu tun? Mit dem Argument des gleichen Zugangs wurde allen der freie Zugang zu den Hochschulen eröffnet.

Der Anteil von Arbeiterkindern an den Universitäten konnte dadurch nicht erhöht werden. Die Folgen solcher Sozialpolitik sind nicht mehr soziale Gerechtigkeit, sondern eine soziale Unfinanzierbarkeit verbunden mit einem staatlich regelrecht anerzogenen Anspruchsdenken. Und heute stehen wir vor der Gefahr, vor der Cariats-Präsident Helmut Schüller Anfang dieses Jahres in Feldkirch gewarnt hat - vor der Gefahr, daß das soziale Netz reißen könnte; daß für jene, die Hilfe wirklich benötigen, Hilfe nicht mehr finanzierbar sein könnte.

Verzichten tut weh. Wenn wir aber auf den sozialen Frieden nicht verzichten wollen, dann ist es höchste Zeit, daß wir verstärkt dem Prinzip der Verteilungsgerechtigkeit statt einer Verteilungsgleichheit zum Durchbruch verhelfen und damit die soziale Treffsicherheit erhöhen; zum Beispiel durch eine stärkere Verlagerung von der Objekt- zur Subjektförderung.

Die Utopie der Gleichheit endete im Fiasko. Es gibt kein Grundrecht auf Glück. Auch nicht in der vielzitierten amerikanischen Verfassung. Dort ist lediglich ein Recht des "pursuit of happines", des Strebens nach Glück verankert. Keinem soll dieses Recht verweigert werden können. Von jedem kann nach Maßgabe seiner Möglichkeiten Leistung verlangt werden, und Leistung muß sich bezahlt machen. Verstärkt, möchte ich hinzufügen, durch mehr Eigenvorsorge. Aber ein Staat kann sich auch nicht mit dem "größtmöglichen Glück der größtmöglichen Zahl" zufrieden geben.

Aufgabe des Staates ist es, jedem seiner Bürger die Chance auf ein Leben in Würde zu geben. Auch und gerade jenen Menschen, die besonders oder gar ausschließlich auf ihre Mitmenschen angewiesen sind. Menschenwürde ist kein Almosen, sondern das Grundrecht schlechthin. Wer die Würde eines anderen Menschen nicht ernst nimmt, gefährdet seine eigene. Der Umgang mit Schwachen und Hilflosen ist die Nagelprobe jeder Gesellschaft.

Wir stehen vor Jahren der gesellschaftlichen Bewährung. Es gibt bei einer verantwortungsbewußten Budgetpolitik auf absehbare Zeit keine Zuwächse mehr zu verteilen. Solidarität ist gefordert und eine gerechtere Verteilung der Leistungen und der Lasten. Daran führt kein Weg vorbei, wenn wir den sozialen Frieden auf Dauer sichern und offene Verteilungskämpfe vermeiden wollen.


Alter hat Zukunft
Ich sage das gerade auch, weil die Zahl der betagten und hochbetagten Menschen immer rascher und stärker zunehmen wird. Eine enorme Herausforderung. Und ich denke, wir können froh und stolz sein, daß wir in Vorarlberg mit unserem Konzept "Alter hat Zukunft" rechtzeitig die richtigen Weichen gestellt haben. Mit der Förderung der Pflege in der Familie und dem Ausbau der ambulanten Dienste, mit der Sicherung der Vielfalt des sozialen Netzes in Wohnortnähe; mit dem bedürfnisgerechten Ausbau von Seniorenwohngemeinschaften, Alters- und Pflegeheimen sowie Tageseinrichtungen für betagte Menschen, und das möglichst dezentral und überschaubar; dort, wo die Menschen wurzeln. - Vieles ist bereits geschehen, weit mehr noch gilt es zu tun. Dazu zählt die Förderung des menschengerechten Bauens und Wohnens, die Förderung von Initiativen, die zum besseren Verständnis zwischen den Generationen beitragen, die Förderung von Bildungsangeboten, Sport und Freizeitmöglichkeiten für ältere Menschen.

Vielleicht noch nicht in den nächsten fünf Jahren, sicher aber in den Jahrzehnten nach der Jahrtausendwende wird der zunehmende Anteil älterer Menschen - der heute noch Jungen! - unsere Gesellschaft in allen Bereichen verändern (vermutlich auch den Landtag). Und das bedeutet durchaus auch Chancen, denn der Erfahrungsschatz der Generationen ist von großem Wert. Wenn es gelingt, unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger jenseits der Pensionsgrenze dafür zu gewinnen, das gesellschaftliche Leben weiterhin aktiv mitzugestalten, dann kann unser Land davon sehr profitieren.

 

Gesundheitswesen
Mit der Umsetzung des Vorarlberger Spitalsplanes 2000/2010 tragen wir den demographischen Entwicklungen auch im Gesundheitssystem Rechnung; insbesondere auch mit der Erweiterung des Nachsorgenetzes, der Verbesserung der Rehabilitationsmöglichkeiten und der Verbesserung der tagesklinischen Versorgung. Und richtungsweisend für ganz Österreich kann und soll die Durchführung des Pilotprojektes "Leistungsorientierte Krankenhausfinanzierung" werden. Sie wird Voraussetzung dafür sein, daß das Spitalswesen in Zukunft überhaupt noch finanzierbar ist. - Verstärken wollen wir auch die Initiativen im Bereich der medizinischen Vorsorge, gerade auch in Kindergärten und Schulen und über den Fonds "Gesundes Vorarlberg".

 

Familien
Älter wird jeder von uns und keiner weiß, ob er nicht morgen schon auf Betreuung und Pflege angewiesen ist. Besonderes Augenmerk gilt auch weiterhin der Förderung und Integration unserer behinderten Mitmenschen und ihrer Familien. Von der Integration in Kindergarten und Schule bis zur Sicherung des Modells "Geschützte Arbeitsplätze".

Jeder Staat ist gut beraten, seine Familien besonders zu fördern. Reißt einmal das familiäre Netz, dann reißt unweigerlich das gesamte soziale Netz. Vor allem aber: Wo sollen wir Solidarität lernen, Toleranz und Achtung; wo sollen wir Schutz erfahren, Liebe und Heimat, wenn nicht in der prägenden Familie. Eine familienfeindliche Gesellschaft ist zum Scheitern verurteilt. Vorarlberg soll und muß ein Familienland bleiben.

Keine Angst, wir geben uns keiner romantischen Verklärung hin, wir wissen sehr wohl um die vielen Probleme in der Familie und auch um die teils prekäre familiäre Situation in unserem Land. Aber nicht trotzdem, sondern gerade deshalb müssen wir die Familien noch stärker fördern. Und wenn wir trotz notwendigem Sparkurs die Familienzuschüsse auf das erste Kind ausgeweitet haben, dann ist das auch ein klares Bekenntnis in diese Richtung.

Die Betreuung und Erziehung der Kleinkinder in der Familie ist für uns das erstrebenswerte Ziel. Und das wollen wir vorrangig ermöglichen. Wir verkennen aber nicht, daß auch eine bedarfsgerechte Erweiterung an außerfamiliären Betreuungsmöglichkeiten notwendig sein wird. Gemeinsam mit den Gemeinden werden wir uns darum bemühen.

Es geziemt sich eigentlich nicht, wenn das ausgerechnet ein Politiker sagt, der leider viel zu wenig Zeit für seine Familie hat: Aber ich denke, Familie muß viel stärker auch zur Männersache werden. Als Vater dreier berufstätiger Mütter habe ich das gelernt.


Frauen
Die Mehrheit der Vorarlberger Bevölkerung sind Frauen. Die Vorarlberger Frauenstudie zeigt, wie vielfältig das Leben der Frauen geworden ist und wo entsprechende Weichenstellungen erwartet werden. So soll etwa dem Wunsch nach umfassender Information zu sämtlichen arbeitsmarktpolitischen, gesellschaftlichen und rechtlichen Fragen durch ein Fraueninformationszentrum in Feldkirch Rechnung getragen werden. Landesintern soll ein Gleichbehandlungskonzept mit einem entsprechenden Gleichbehandlungsgesetz eine Partizipation von Frauen in allen Entscheidungsebenen der Verwaltung ermöglichen.


Bildung und Forschung
Von großer Bedeutung - gerade für Frauen - ist auch ein breitgefächertes und qualifiziertes Angebot im Bereich der Aus - und Weiterbildung. Und Vorarlberg kann durchaus stolz sein auf seine zahlreichen, dynamischen Bildungseinrichtungen. Das Land wird sie soweit als möglich und nötig auch weiterhin in ihrem Bildungsauftrag unterstützen, zum Beispiel auch über den Aufbau einer regionalen Bildungsdatenbank.

Und das Land wird auch selbst als Bildungsträger weiterhin große Anstrengungen unternehmen, vor allem im weiteren im weiteren Ausbau des Berufsschulwesens, bei den berufsbegleitenden Studienprogrammen in Schloß Hofen und beim Ausbau des Technikums zu einer Fachhochschule - dem Fachhochschul-Studiengang "Fertigungsautomatisierung" soll ein zweiter Studiengang "Betriebliches Prozeß- und Projektmanagement" folgen. Ein drängendes Vorhaben ist auch die Schaffung weiterer Heimplätze für Vorarlberger Studierende an den Hochschulen. Erfreulich ist die hohe Akzeptanz des Vorarlbergs-Stipendiums für Studien- und Forschungssemester im Ausland, aber auch der große Zuspruch, den unsere sehr moderne Landesbibliothek erfährt.

Die Schlüsselfunktion der Bildung für den Wirtschaftsstandort Vorarlberg habe ich bereits deutlich gemacht. Gleichrangig zu werten ist aber auch die Persönlichkeitsbildung, die Förderung der Kreativität, ob in den Musikschulen, im Konservatorium oder in den Einrichtungen der allgemeinen Erwachsenenbildung. Von der Volksschule weg wird es für die Zukunft auf die Vermittlung einer Qualifikation mehr denn je ankommen: auf die Qualifikation zur Verantwortung - der Verantwortung für sich selbst, für seine Mitmenschen, für die Gemeinschaft, für die Umwelt. Verantwortung kann und muß man lehren und lernen.


Jugend
Ich denke, dieser Aspekt sollte stark auch in die Jugendpolitik einfließen. Die Jugend zu fördern, ist zu wenig. Die Jugend will auch gefordert werden. Deshalb setzen wir auch in der Jugendförderung auf Eigeninitiative und Mitverantwortung und damit auf Sinngebung, ob in der offenen Jugendarbeit oder in den Jugendvereinen. Schwerpunkte werden unter anderem die Jugendinformation, Medienerziehung oder die Schaffung von mehr "Jugendfreiräumen" in den Gemeinden in Form von Jugendtreffs sein, und vermehrt auch die interkulturelle Jugendarbeit.


Sport
Zu den besten Möglichkeiten der Entfaltung junger Menschen zählen Sport und Kultur. - Zukunftsorientierte Sportpolitik wird vor allem auf geänderte Freizeitmuster, neue Werthaltungen sowie neue Sportmotive abzustimmen sein. Über die traditionellen Aufgaben der Talentsuche und -förderung, des Angebots an Sportveranstaltungen und Wettkämpfen hinaus wollen wir die Sportvereine und -verbände darin unterstützen, ein flexibles, freizeit- und gesundheitsorientiertes Übungsangebot zu bieten, das die Sportbedürfnisse aller Altersgruppen deckt. Gleichzeitig ist die Koordination zwischen Schule und Sport zu verbessern. Im Rahmen der budgetären Möglichkeiten werden wir auch bemüht sein, zur Optimierung der Freizeit- und Sportinfrastruktur beizutragen. Zudem wird in Dornbirn eine Sport-Informations- und -Dokumentationsstelle eingerichtet.


Kultur
Kulturpolitik ist kein leichtes Terrain und ganz besonders nicht in Zeiten, in denen man sicher nicht aus dem vollen schöpfen kann. Zweifellos werden wir in den kommenden Jahren gerade auch in der Kultur bei weitem nicht alles verwirklichen können, was wünschenswert wäre. Unser Ziel muß es dennoch sein, dem Kulturauftrag der Landesverfassung möglichst gerecht zu werden. Zigtausend Menschen in diesem Land sind kulturschaffend.

Als professionelle Künstler genauso wie in Musikvereinen, Theatergruppen, Kulturvereinen usw. Wir Vorarlberger dürfen stolz darauf sein, daß unser Land, gemessen an der Bevölkerungszahl am meisten Musikschülern und -studenten zählt. Stolz sein aber auch darauf, daß insgesamt das Interresse an Kultur, die Kunstbegeisterung ständig zunimmt, das kulturelle Angebot auch immer breiter und besser wird und als gutes Stück Lebensqualität empfunden wird. Stolz sein, daß Vorarlberg auch als Kulturland immer mehr an Ansehen gewinnt. - In den Bereichen, in denen das Land selbst Kultur anbietet, wird die Errichtung des Vorarlberger Kunsthauses in Bregenz zweifellos das bedeutendste Projekt der nächsten Jahre sein.


Landesverwaltung
In der Landesverwaltung haben wir in den vergangenen Jahren zum Teil tiefgreifende Umstrukturierungen vorgenommen, um den vielen geänderten und neuen Aufgabenstellungen gerecht werden zu können. Die Vorarlberger Landesverwaltung verfügt im Verhältnis zur Einwohnerzahl über die wenigsten Mitarbeiter und wurde gleichzeitig in einer österreichweiten Umfrage von der Bevölkerung als mit Abstand am bürgerfreundlichsten bewertet. Möglich ist beides nur, weil unsere Landesverwaltung sicher zu den modernsten öffentlichen Dienstleistungsunternehmen zählt.

Wenn es gelungen ist, den ständig steigenden Anforderungen ohne große Ausweitung des Personalstandes gerecht zu werden, dann vor allem auch durch den gezielten Einsatz leistungsfähiger Informatik. In den kommenden Jahren werden wir uns bemühen, die Effizienz mit Telekommunikation noch weiter zu steigern. Als erste Unternehmen Vorarlbergs wurden die Dienststellen des Landes heuer über MAN und ISDN verbunden. Das Land ist auch deshalb in Vorlage getreten, um der Wirtschaft einen Knotenpunkt zu eröffnen; den ersten MAN-Knoten in Österreich. - Zu einer modernen Verwaltung gehört auch eine anforderungs- und leistungsgerechte Entlohnung aufgrund einer differenzierten Arbeitsplatzbewertung. Deshalb zählt auch die Gehaltsreform zu den wichtigen Zielen in dieser Regierungsperiode. Ich darf Ihnen versichern, daß wir gerade in der Landesverwaltung auch weiterhin auf Sparsamkeit und Effizienz bedacht sein werden.


Gesetzgebung
Dem Landtag will die Landesregierung Vorschläge für eine umfangreiche Gesetzgebung unterbreiten. Neben der EWR- und EU-Rechtsanpassung stehen die Änderung bzw. Neufassung mehrerer Landesgesetze an. Das legistische Programm umfaßt das Raumplanungsgesetz und das Natur- und Landschaftsschutzgesetz, das Bau-, Abfall-, Gemeindewahl-, Landwirtschaftskammer- und Pflichtschulorganisationsgesetz.


Sicherheit
Eine Kernaufgabe jedes Staatswesens ist die Sicherheit seiner Bürger. Und Vorarlberg muß ein sicheres Land bleiben. Die Wahrung der öffentlichen Sicherheit ist Bundesaufgabe. Die Landesregierung wird Gendamerie, Bundesheer, Zoll und Justiz weiterhin nach Kräften unterstützen. Das gilt selbstverständlich auch für die freiwilligen Rettungs- und Katastrophendienste. Gerade die Unwetterkatastrophe in Norditalien hat ihre Bedeutung wieder bewußt gemacht. Nach Fertigstellung der technischen Anlagen kann die Rettungs- und Feuerwehrleitstelle in Feldkirch den Betrieb aufnehmen. Weitere Vorhaben sind der Abschluß des flächendeckenden Ausbaus der bodengebundenen Notarztrettungsdienste und die Errichtung eines Stützpunktes für die Flugrettung im Raum Feldkirch-Walgau. Weiterhin großes Augenmerk werden wir auch der Verkehrssicherheit schenken, vor allem auch der Förderung der Verkehrserziehung.


Entwicklungszusammenarbeit
Unsere Mitverantwortung und damit Hilfe hört an den Landesgrenzen nicht auf. Wir haben auch eine bestimmte Verantwortung gegenüber den Menschen in den Ländern der Dritten Welt und in den Reformstaaten Ost- und Mitteleuropas. Und einer guten Vorarlberger Tradition folgend wollen wir uns auch in den kommenden Jahren um eine anständige Entwicklungszusammenarbeit und Osthilfe bemühen; wollen wir überschaubare Hilfe zur Selbsthilfe geben. Gerade als ein Land, das nach dem Krieg mit westlicher Hilfe seinen Wiederaufbau in Angriff nehmen konnte, sollte Österreich auch als Anwalt der Reformstaaten in die Europäische Union eintreten.

 

Europäische Integration
Ich muß nicht betonen, welche Herausforderung die europäische Integration für ganz Vorarlberg bedeutet. Der Eintritt in die Europäische Union wird viele unserer Lebensbereiche verändern - einige sehr, andere weniger. Unser gemeinsames Ziel muß es sein, die Chancen bestmöglich zu nützen und die Risken und Lasten bestmöglich zu mindern. Die Landesregierung wird alles daran setzen, das ihre dazu beizutragen. Auch jene Wirtschaftssektoren, die sich für den Beitritt stark gemacht haben, sind jetzt besonders gefordert.
Für 1996 ist eine Maastricht-Nachfolgekonferenz geplant, auf der erneut wichtige Weichen gestellt werden sollen. Und gleichberechtigt wird Österreich diese Weichenstellungen mitbestimmen, nach unseren Vorstellungen vor allem auch in Richtung Subsidiarität und Stärkung der Regionen, und damit auch in Richtung bürgernaher, unmittelbarerer Demokratie. - Kundennähe durch Dezentralisierung ist das Zukunftsprinzip der Wirtschaft. Bürgernähe durch Föderalisierung und Regionalisierung muß ein Grundsatz der Europa-Politik sein. Wir sind uns bewußt, daß die Durchsetzung alles andere als einfach sein wird. Deshalb müssen Landesregierung und Landtag weiterhin um eine intensive Mitwirkung am Integrationsprozeß bemüht sein. Bemüht sein vor allem auch, Länder- und Landesinteressen gleichzeitig via Wien und künftig direkt auch über den Ausschuß der Regionen des Europa-Parlaments in Straßburg und Brüssel zu vertreten und durchzusetzen.

 

Bundesstaatsreform
Gleichzeitig müssen wir aber auch die innerstaatliche Stärkung der Eigen- und Mitverantwortung der Länder vorantreiben. Auch der Bundesrat hat vor wenigen Tagen mit einer gemeinsamen Entschließung aller Fraktionen den Bundeskanzler aufgefordert, auf die Einhaltung der am 8. Oktober 1992 mit den Bundesländern abgeschlossenen Vereinbarung hinzuwirken, wonach die Bundesstaatsreform spätestens gemeinsam mit den EU-Begleitgesetzen zu verabschieden ist. - Sie wissen, daß die Landesregierung für eine noch viel weitergehende Bundesstaatsreform eingetreten ist. Das vorliegende Reformpaket ist ein Kompromiß. Ein Kompromiß aber, der immer noch die tiefgreifendste Reform seit 1929 bedeutete. - Dieses Reformpaket ist ein sehr wichtiges Etappenziel; nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die föderalistische Bundesstaatsreform ist ein permanenter Prozeß.
Die Landeshauptleute haben am 9. November ein Memorandum beschlossen, ein Offert der Länder an den Bund, das Angebot einer stärkeren Partnerschaft in einer entscheidenden Phase: Mitverantwortung gegen Mitentscheidungsrechte. Die Länder bekennen sich zur gemeinsamen Verantwortung bei einer Erneuerung Österreichs. Das setzt aber auch mehr Eigen- und Mitverantwortung der Länder voraus.

Der Eintritt in die Europäische Union bringt mehr Wettbewerb und frischen Wind nach Österreich - von modernem Konsumentenschutz im Versicherungsrecht bis zur Umweltverträglichkeitsprüfung.
Und ich bin der Meinung, wir sollten diesen frischen Wind nützen, um Österreich gründlich zu entstauben und zu modernisieren. Bundesrat, Kammern, Sozialversicherung, Schulorganisation, Finanzverfassung, Finanzverwaltung, Förderungswesen, Krankenhausfinanzierung, Post, Bundesbahn - jedem von uns fallen wichtige Bereiche ein, deren Strukturen hinterfragt, entschlackt und modernisiert gehören, um sie effizienter zu machen. - Wir müssen diesen europäischen Modernisierungsschub voll nützen, um überholte Strukturen zu reformieren.

 

Weltoffene Heimat
Wir leben in einer schnellen Zeit; in einer manchmal zu schnellen Zeit. Und dennoch bin ich zuversichtlich für ein weltoffenes Vorarlberg. Auf eines allerdings wird es sehr entscheidend ankommen: - Je schneller die Welt sich dreht, desto fester müssen wir verwurzelt bleiben. Verwurzelt in Werten. Verwurzelt in Gemeinschaft. Verwurzelt in Heimat.
Und noch etwas: - Eine gute Politik ist entscheidend. Noch entscheidender für die Zukunft dieses Landes sind seine Menschen. Die Leistungskraft und der Fleiß, der Weitblick und die Tüchtigkeit, die Eigeninitiative und der Gemeinschaftssinn, das Umweltbewußtsein der Menschen in diesem Land, ihre Weltoffenheit und ihre Liebe zu diesem kleinen Land. Und weil ich Vertrauen habe in dieses Land und seine Menschen, sehe ich der Zukunft mit Zuversicht entgegen.
Mit dem Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger müssen wir uns an die Arbeit machen, dieses Land ordentlich zu verwalten und seine Zukunft gewissenhaft zu gestalten. Das ist unser Auftrag. Die Landesregierung bietet allen Fraktionen des Landtages ihre Zusammenarbeit an. Wir werden nicht immer alle einer Meinung sein. Das liegt im Wesen der Demokratie. Aber wahrhaftig und fair sollten wir gemeinsam um gute Ergebnisse ringen.

 

Optimismus
Vor einigen Tagen veröffentlichte eine österreichische Tageszeitung eine Umfrage über die Stimmungslage in den einzelnen Bundesländern. Die Frage lautete: "Glauben Sie, daß Ihr Bundesland Zukunft hat und etwas weitergeht, oder bleibt es hinter anderen Bundesländern zurück?" - 95 Prozent der befragten Vorarlberger antworteten mit Ja; mehr als in jedem anderen Bundesland. Das Resümee der Zeitung: "Überhaupt ist der Vorarlberger Optimismus unschlagbar."
Erinnern wir uns an das Resümee Karl Poppers: Unsere westlichen demokratischen Gesellschaftsordnungen sind sehr unvollkommen und verbesserungsbedüfrtig, aber sie sind die besten, die es bisher gegeben hat.
Bei allen Fehlern und Schwächen, bei aller berechtigter Kritik: Vor 50 Jahren lag Österreich in Blut und Trümmern. Heute ist Österreich eine gefestigte Demokratie, eine selbstbewußte Nation, geachtetes Mitglied der Völkergemeinschaft und nach einem dynamischen Aufholprozeß einer der wohlhabendsten Staaten der Welt. - Und wir können auch die Herausforderungen der Zukunft ordentlich meistern, wenn wir nur wollen. Mit Pessimismus ist keinem gedient. Mit Zuversicht müssen wir die Zukunft in Angriff nehmen.

Vorarlberg ist kein Paradies auf Erden. Aber es ist ein gutes Land und es ist unsere Heimat, auf die wir alle stolz sein können. Gehen wir gemeinsam an die Arbeit. Für unsere Heimat. Für unser Vorarlberg.


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